“Liebes Ich mit 38…” – ein Brief an alle, die spüren, dass es beruflich so nicht weitergeht
Dieser Brief ist inspiriert von einem Gespräch mit Jannike Stöhr. Sie war Personalerin bei VW, probierte in einem Jahr 30 Jobs aus – und fand dabei zwar nicht die eine Antwort auf den perfekten Job, aber viele wichtige Fragen. Lange hat sie Menschen, die sich in der Mitte ihrer Karriere neu ausrichten wollen, dabei begleitet, auf ihre innere Stimme zu hören. Nicht mit Selbstoptimierung und Business-Floskeln. Sondern mit Ehrlichkeit, Neugier und der Erlaubnis, es anders zu machen. Dieser Text bringt ihre Haltung auf den Punkt: Als Brief an ein fiktives Ich, das so vieles fühlt – aber noch nicht weiß, wohin damit. Vielleicht braucht dieses Ich nur eins: zu sehen, dass es anderen auch so ging. Dass andere es gewagt haben. Und dass es geht, auch wenn man beruflich festgefahren zu sein scheint.

Liebes Ich mit 38,
du wachst morgens auf und fühlst es. Es ist nicht wirklich schlimm. Aber es ist auch nicht richtig gut. Du funktionierst. Du lieferst. Du lächelst in Calls. Und manchmal denkst du: War’s das?
Die Gedanken schleichen sich ein zwischen zwei Kalenderterminen. Beim Blick in die Küchenschublade. Beim Scrollen durch Stellenanzeigen, bei denen du nach zwei Sekunden das Fenster wieder schließt.
Und da ist dieses leise Unwohlsein. Kein Drama. Aber ein Störgeräusch.
Vielleicht trägst du es schon lange mit dir herum. Vielleicht hast du es gut wegerklärt: „Es ist halt der Job.“ „In meinem Alter ändert man nicht mehr alles.“ „Ein bisschen Sinn finde ich schon in der Freizeit.“
Aber tief drin weißt du: So richtig richtig ist das nicht.
Vielleicht wartest du auf den einen Moment. Den Aha-Augenblick. Die Idee, die alles rettet. Oder den Plan, der endlich Sicherheit bringt. Nur: Der kommt nicht.
Und das liegt nicht an dir.
Denn Klarheit entsteht nicht vor dem Losgehen. Sie entsteht unterwegs. Im Tun. Im Testen. Im Ausprobieren. Im Gespräch mit anderen.
Du brauchst keine perfekte Antwort. Du brauchst eine Richtung, mit der du anfangen kannst.
Und du brauchst vielleicht nur zu wissen: Andere waren auch hier. Und sie haben es geschafft, Schritt für Schritt.
Wenn du an diesem Punkt stehst, fang nicht mit einem Großprojekt an. Fang klein an. Drei Optionen. Drei Mini-Tests. Ein Gespräch mit jemandem, der dort ist, wo du hinwillst. Ein Tag zur Probe in einem Bereich, der dich schon lange interessiert. Ein Kurs. Ein Hobby, das du als Kind geliebt hast.
Beobachte, was du dabei denkst. Was dir Energie gibt. Was dich anzieht. Und was nicht.
Und: Bleib in Bewegung. Nicht um sofort den perfekten neuen Job zu finden. Sondern um herauszufinden, was zu dir passt.
Vielleicht wird dein Umfeld skeptisch sein. Vielleicht sagen sie: „Ein Job ist nur ein Job.“ Vielleicht sagen sie: „Du hast doch so eine sichere Anstellung, wieso etwas riskieren?“
Du darfst ihnen zuhören. Und trotzdem deinen Weg gehen. Du darfst sagen: Ich will mehr. Nicht mehr Status. Sondern mehr Alltag, der sich stimmig anfühlt.
Denn: Du bildest dir das nicht ein. Du bist nicht zu empfindlich. Du hast ein Recht darauf, ernst genommen zu werden – auch von dir selbst.
Und nein, du musst nicht sofort kündigen. Bitte tu das nicht. Nutze, was da ist. Sprich aus, was du kannst. Was du willst. Und wenn sich nichts bewegt, dann zieh deine Konsequenzen. Nicht aus Trotz. Sondern aus einer klaren Entscheidung.
Vielleicht dauert es. Vielleicht kommt die Antwort in Etappen. Vielleicht ist nicht jeder Schritt der richtige. Aber mit jedem wirst du mehr verstehen, was für dich zählt.
Und wenn du irgendwann zurückblickst, wirst du froh sein, dass du losgegangen bist.
Warum dieser Brief?
Weil Veränderungen oft leise beginnen. Weil berufliche Umbrüche selten so klar sind, wie sie in Lebensläufen später aussehen. Weil Menschen wie Jannike Stöhr zeigen, dass man nicht alles wissen muss, um anzufangen – nur, dass es anders werden soll. Ein Brief spricht direkter als ein Ratgeber. Ohne fertige Antworten, ohne How-To’s. Aber mit einer klaren Haltung. Vielleicht ist das genau der Moment, den du brauchst: um zu merken, dass du nicht allein bist. Und dass es Wege gibt, die du ausprobieren darfst.
Wenn du gerade an dem Punkt stehst, wo du denkst: Ich weiß nur, dass ich so nicht mehr will – dann ist das vielleicht nicht das Ende. Sondern der Anfang.
Und wenn du weitere Inspiration brauchst, um genug Mut zu sammeln: In ihrem Podcast „Endlich erfüllt arbeiten“ lässt Jannike Stöhr Menschen erzählen, wie sie beruflich neue Wege gegangen sind. Unterschiedliche Geschichten, ein gemeinsamer Nenner: Es geht. Auch anders.