Always on? Warum digitale Achtsamkeit
heute wichtiger denn je ist
Digital Detox klingt nach Offline-Kur und Smartphone-Verzicht. Doch wer mit Prof. Dr. Gerald Lembke spricht, merkt schnell: Es geht um viel mehr. Nämlich um eine bewusste Auseinandersetzung mit der eigenen digitalen Wirklichkeit – individuell und organisatorisch. Prof. Dr. Gerald Lembke ist Professor für Digitale Medien an der Dualen Hochschule Baden-Württemberg in Mannheim. Als Autor, Forscher und Berater beschäftigt er sich seit Jahren mit der Frage, wie digitale Technologien unsere Arbeit, unser Lernen und unser Denken verändern – und welche Fähigkeiten wir brauchen, um souverän damit umzugehen.

Digitale Dauerreize – und was sie unserem Kopf wirklich antun
Durch die digitale Mediennutzung ist unser biochemisches Belohnungssystem dauerhaft getriggert. Das führt zu Erschöpfung, die wir kognitiv nicht mehr merken – aber körperlich spüren.
Der Professor für Digitale Medien an der DHBW Mannheim forscht seit Jahren zu den gesellschaftlichen Auswirkungen digitaler Technologien – und beobachtet einen bedenklichen Trend: Immer mehr Menschen verlieren nachweislich die Fähigkeit, sich zu konzentrieren.
Lembke beschreibt das so: “Durch die ständige digitale Reizüberflutung läuft unser innerer Arbeitsspeicher dauerhaft auf Sparflamme. Wir reagieren viel – aber wir denken weniger tief. Was uns fehlt, sind Kapazitäten für längere Gedankenbögen, für echte Präsenz im Gespräch oder für kreative Prozesse.” Konzentration wird zum Luxus. Und genau das zehrt nicht nur an unserer Effizienz, sondern auch an unserer mentalen Stabilität. Lembke verweist in diesem Zusammenhang auf körperliche Auswirkungen: „Das Gehirn ist unter Dauerstress – es fokussiert sich zunehmend auf die Verarbeitung digitaler Reize und vernachlässigt andere körperliche Funktionen. Puls und Leber-Nierenfunktion sinken, die Schmerzgrenze ebenfalls.“
Ein Zustand, der langfristig nicht nur die Leistungsfähigkeit beeinträchtigt, sondern auch die körperliche Belastbarkeit reduziert.
Digital Detox bedeutet nicht Verzicht, sondern bewusste Gestaltung
Lembke plädiert für eine neue, reflektierte Digitalkompetenz. Nicht im Sinne von Tools oder Technik, sondern im Sinne psychologischer Selbststeuerung: „Es geht nicht darum, sich der Digitalisierung zu entziehen. Sondern sie bewusst zu nutzen und zu hinterfragen. Wer das nicht tut, landet ganz schnell im ‘always on Hamsterrad’.“
Viele Fach- und Führungskräfte erleben digitalen Stress – weil sie dauernd erreichbar sind und gleichzeitig immer schneller auf immer mehr Kanälen reagieren müssen. Diese Dauerpräsenz erschöpft – kognitiv wie körperlich – und reduziert die Fähigkeit zur echten Konzentration.
Was jetzt zu tun ist – individuell und im System
Lembke empfiehlt keine radikale Kehrtwende, sondern eine Kombination aus Selbstreflexion und systemischen Impulsen. Seine Tipps:
- Digitale Gewohnheiten sichtbar machen. Wie oft checke ich Mails? Wie oft reagiere ich sofort auf Benachrichtigungen? Wo lasse ich mich treiben?
- Reaktionszeiten transparent gestalten. Statt immer erreichbar zu sein: kommunizieren, wann man erreichbar ist – und wann nicht.
- Digitale Meetings bewusst takten. Kein Meetingmarathon ohne Pausen. Sich fragen: Ist das digitale Meeting gerade wirklich nötig? Oder trifft man sich in Präsenz?
- Führungskräfte als Vorbilder schulen. Wer achtsam führen will, muss selbst Grenzen setzen dürfen und diese vorleben (!)
Snackable Impulse aus dem Gespräch mit Gerald Lembke
- Hinterfrage alltägliche Routinen kritisch: Muss ein kurzer Gedanke wirklich als Chatnachricht verschickt werden – oder kann ich stattdessen kurz zum Kollegen rübergehen? Kleine bewusste Unterbrechungen digitaler Automatismen fördern reale Begegnung und Konzentration.
- In Lembkes Team dürfen Termine nicht länger als 30 Minuten dauern. Was simpel klingt, hat Signalwirkung: Meetings werden klarer, fokussierter, kürzer – und lassen mehr Raum für Pausen und produktive Zeit.
- Führe E-Mail-Sprechzeiten ein: Lege dir Zeitfenster fest, in denen du aktiv auf E-Mails reagierst – zum Beispiel zweimal täglich. So vermeidest du ständigen Unterbrechungsstress und erhöhst deine Konzentration.
- Etabliere im Team regelmäßige „digitale Pausen“ – zum Beispiel 60 Minuten täglich ohne Bildschirm, Slack oder E-Mail. Diese können zur individuellen Erholung oder zur one-on-one Projektarbeit genutzt werden – Hauptsache: keine permanente Online-Erreichbarkeit.
Digitale Präsenz braucht echte Begegnung
Ein Aspekt, der Lembke besonders wichtig ist: die zwischenmenschliche Seite. „Trotz aller Digitalisierung erleben wir gerade eine Gegenbewegung. Die Menschen wollen wieder reale Kontakte.“ Er verweist auf stagnierende oder rückläufige Zahlen bei digitalen Plattformen wie Dating-Apps. „Es wird zu viel gesendet, zu wenig wirklich kommuniziert. Ich bin überzeugt, dass wir in zehn Jahren weniger digitale Kommunikation haben werden als heute.“
Statt noch mehr Tools brauche es wieder mehr echte Gespräche. Analoge Formate gewinnen an Wert – gerade weil sie knapp geworden sind.
Digitale Kommunikation ist effizient. Aber echte Verbindung braucht mehr.
Fazit: Digital Detox heißt nicht Abschalten, sondern Hinsehen.
Gerald Lembke sieht Digital Detox nicht als Rückzug, sondern als bewusste Gestaltung. Wer aufhört, jedem Impuls zu folgen, kann seine Aufmerksamkeit gezielter einsetzen – und gewinnt Handlungsspielraum zurück.

In seinem Buch “Im digitalen Hamsterrad. Ein Plädoyer für den gesunden Umgang mit Smartphone & Co.” nimmt Gerald Lembke in 15 Episoden die auffälligsten Unsinnigkeiten der ausgerufenen “digitalen Revolution” unterhaltsam aufs Korn und zeigt voller Augenzwinkern versteckte Spiegel auf, die das persönliche Digitalnutzungsverhalten auf den Punkt bringen.