Neue Väter braucht das Land – und eine Arbeitswelt, die Raum für beides lässt
Volker Baisch ist Diplom-Sozialwirt, Vater und Gründer der Väter gGmbH sowie des Beratungsunternehmens conpadres. Seit über 20 Jahren unterstützt er Unternehmen dabei, Vereinbarkeit neu zu denken – nicht für Mütter, sondern gezielt für Väter. Sein Ziel: eine Unternehmenskultur, in der Care-Arbeit nicht erklärt werden muss, sondern selbstverständlich dazugehört.

Ein neues Selbstverständnis von Vaterschaft
Vaterschaft ist längst kein privates Randthema mehr. Viele Männer möchten heute präsenter sein, Verantwortung übernehmen – nicht nur im Beruf, sondern auch zu Hause. Doch während sich Rollenbilder wandeln, bleibt der berufliche Kontext häufig zurück. Wer als Vater mehr Care-Arbeit übernehmen möchte, fühlt sich auch im Jahr 2026 oft wie ein Sonderfall.
Viele Männer erleben einen Zwiespalt: Auf der einen Seite der Wunsch, den Alltag der eigenen Kinder aktiv mitzuerleben. Auf der anderen Seite die Sorge, beruflich abgehängt zu werden. Hinzu kommt: Es fehlt an Vorbildern. An Männern, die offen zeigen, wie sie Elternzeit genommen oder Führungsverantwortung mit Familienzeit verbunden haben.
Warum Männer oft schweigen – und was sie stattdessen tun könnten
Viele Väter wollen heute mehr Präsenz in der Familie. Sie möchten ihre Kinder aufwachsen sehen, echte Bindung erleben. Und trotzdem im Job Verantwortung übernehmen. Doch sobald es konkret wird, zögern viele. Wie spreche ich das an? Wirkt das wie mangelndes Commitment? Schwächt es meine Karriere?
Viele Männer wollen heute mehr Familie leben, aber sie wissen nicht, wie sie das im Unternehmen ansprechen sollen.
Volker Baisch weiß, wovon er spricht – denn auch er hat als junger Vater selbst erlebt, wie schwer es sein kann, gegen traditionelle Erwartungen zu argumentieren. Im Jahr 2000 reichte er selbst für ein Jahr lang Elternzeit ein und kümmerte sich in der Zeit um seine Tochter. Gerade deshalb macht er heute anderen Mut, das Gespräch zu suchen. Denn wer sich gut vorbereitet und offen kommuniziert, kann oft mehr bewegen, als er denkt.
So gelingt der erste Schritt ins Gespräch:
- Eigene Wünsche und Bedürfnisse klar benennen (zum Beispiel Elternzeit, Teilzeit, Remote-Arbeit)
- Konkrete Vorschläge machen: Wer kann vertreten? Wie wird das Team entlastet?
- Nicht um Erlaubnis bitten, sondern gemeinsam Lösungen verhandeln
Wenn Führung nicht mitzieht: ruhig bleiben, aber klar positionieren
Manche Führungskräfte reagieren aus Sorge um Teamstrukturen oder weil sie selbst Vereinbarkeit nie erlebt haben, zurückhaltend oder sogar blockierend. Auch das kennt Volker Baisch.
Sein Rat: Nicht in den Rückzug gehen. Sondern ruhig bleiben, Gesprächsangebote machen, HR einbeziehen und den eigenen Wunsch nicht kleinreden lassen.
Hilfreiche Strategien, wenn die Reaktion verhalten ist:
- Gespräche schriftlich vorbereiten: mit Zeitrahmen, Vorschlägen, Ansprechpartnerinnen und Ansprechpartnern
- Verbündete suchen: zum Beispiel in HR, im Betriebsrat oder bei anderen Eltern im Unternehmen
- Perspektive wechseln: Aufzeigen, dass Vereinbarkeit Planungssicherheit schafft. Auch fürs Team
Gerade in klassischen Unternehmensstrukturen gilt oft noch die Erwartung: Wer aufsteigen will, muss verfügbar sein.
Dabei belegt längst die Forschung, dass Väter, die Care-Arbeit aktiv mitgestalten, besonders belastbar, empathisch und strukturiert agieren – Eigenschaften, die auch in Führungsrollen gefragt sind.
Vereinbarkeit beginnt in der Familie und nicht im HR-Portal
Was oft fehlt, ist nicht das Verständnis, sondern die Sprache dafür. Deshalb beginnt moderne Vereinbarkeit nicht mit einer bürokratischen Regelung in irgendeiner Mappe, sondern mit Haltung. In der Familie, in der Führung, in der Organisation.
Volker Baisch rät auch zur Klärung im Privaten:
Wer bleibt wann zu Hause? Wie verteilen wir die Elternzeit? Welche Form der Partnerschaft wollen wir leben?
Vereinbarkeit ist keine spontane Entscheidung zwischen Tür und Angel, sondern ein gemeinsamer Aushandlungs- und Haltungsprozess.
Wer sich als Paar bewusst damit auseinandersetzt, welche Rollen gelebt werden sollen, schafft Klarheit und Selbstbewusstsein. Und diese Klarheit wirkt nach außen. Sie stärkt das eigene Auftreten im Job und hilft, besser und eindeutiger seine Wünsche zu kommunizieren.
Was Unternehmen davon haben – und was passiert, wenn sie es ignorieren
Warum ist Vereinbarkeit auch für Väter relevant? Weil die Folgen spürbar sind. Studien zeigen: Rund 60 Prozent der Väter denken über einen konkreten Jobwechsel nach, wenn sie Vereinbarkeit nicht leben können. Unternehmen, die das erkennen, schaffen somit Räume für Gespräche und gewinnen Mitarbeitende, die bleiben, weil sie sich gesehen fühlen.
Eine väterfreundliche Unternehmenskultur ist kein Nice-to-have. Sie ist ein echter Wettbewerbsvorteil. Sie hält qualifizierte Fach-und Führungskräfte und fördert neue Führungskompetenz. Und sie ermöglicht das, was viele Arbeitgeber heute versprechen, aber kaum einlösen: dass Lebensrealitäten Platz haben dürfen.
Die jungen Väter sind nicht illoyal. Sie wollen gestalten. Und wenn sie das nicht können, gehen sie.
Fazit: Wer Vereinbarkeit ermöglicht, investiert in Kultur, Zukunft und Führung
Am Ende geht es nicht darum, ob Vaterschaft mit Karriere vereinbar ist. Sondern ob wir bereit sind, unser Bild von Leistung, Präsenz und Verfügbarkeit neu zu denken. Wer Vereinbarkeit ermöglicht, investiert nicht nur in Familienfreundlichkeit, sondern in Führungsqualität und eine Unternehmenskultur, die Menschen ernst nimmt.
Volker Baisch ermutigt: „Seid mutig. Es kann euch nicht viel passieren.“
Und vielleicht ist genau dieser Satz der Anfang eines Gesprächs, das in vielen Unternehmen längst überfällig ist.
Weitere Infos und Unterstützung rund um väterfreundliche Unternehmenskultur gibt es bei www.conpadres.de.